Arzt und Magier in der Küche Heilmittel und Zaubertränke
"...Ich habe gehört, ihr kennt euch ein wenig in der Heilkunde aus.“
„Ich bin kein Medicus, Madame. Ich bin nur ein einfacher Koch.“
Madame lächelte ermattet.
„Ihr seid ein Meister der Küche. Aber ihr sollt auch Rezepte gegen Fieber haben.“
„Nun ja, es ist ein Pulver aus Pestwurz und verschiedenen anderen Zutaten. Es hilft gegen die Pest, Fieber und ... die Pocken.“
..."Aus: B. Rodik, Trimalchios Fest, S. 374, G. Lübbe Verlag.
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Köche als HeilkundigeDass Nikolaus ein Rezept gegen die Pocken kennt, ist nicht ungewöhnlich. Der Beruf der Köche galt dem des Arztes als sehr verwandt, doch versuchte Nikolaus weniger, seine Patienten zu schröpfen und sie damit der letzten Lebenskraft zu berauben. Eher wandte er Mittel und Gerichte an, die dem Patienten Linderung und Heilung verschafften - so wie es viele seiner Berufsgenossen ebenso konnten.
Das Wissen um die Wirkung der Speisen war damals noch ein völlig anderes. Man unterschied zwischen den einzelnen Eigenschaften, Elementen und Säften, ordnete jedem Nahrungsmittel Temperamente zu und zog daraus konsequente und (oft sehr logische) Schlußfolgerungen.
So weiß er auch seinem besten Freund Fabrizio zu helfen, als dieser Anzeichen einer schlimmen Krankheit zeigt:
"... Über alle Maßen besorgt sah er zu seinem Freund.nach oben
„Eine Erkältung oder ähnliches. Nicht mehr.“
„Du siehst aber hundeelend aus. Du solltest dich hinlegen.“
„Werde ich auch gleich. Aber der Medicus meinte, eine Suppe oder dergleichen würde meiner Genesung förderlich sein.“
Nikolaus nickte. Fabrizio sah erbärmlich aus. Seine ansonsten immer leicht braune Haut hatte die fahle Farbe des Kranken angenommen. Seine Augen glänzten fiebrig und am Ansatz der Perücke machten sich Schweißperlen bemerkbar.
„Eine Kürbissuppe mit Pfeffer wäre nicht schlecht.“ murmelte Fabrizio.
„Niemals.“ entgegnete Nikolaus. „Kürbisse enthalten zu viel Wasser, sie würden dein Blut faul machen. Pfeffer hingegen verbrennt dir dein Blut, genauso wie Zwiebeln, Knoblauch und Krebse. Lernt ihr denn überhaupt nichts über diese wichtigen Dinge? Eine Brühe aus Lattich und Wurzeln wird dich kühlen. Geh in dein Zimmer. Ich lasse dir davon bringen.“
..."Aus: B. Rodik, Trimalchios Fest, S. 250, G. Lübbe Verlag.
Giftmischer bei Hof
Als Nikolaus der Giftmischerei angezeigt wird, kommt dies nicht von ungefähr - wer hatte mehr Gelegenheit als er dazu, Gift in das Essen zu mischen? Dennoch war es gerade am Hofe Ludwigs XIV. beinahe unmöglich, Gift in die Speisen zu mixen. Die (wahrscheinlich nicht unbegründete) Angst des Sonnenkönigs, vergiftet zu werden, gipfelte schließlich in verschließbarem Geschirr, das unter Bewachung von der Küche zur Tafel getragen wurde. Dem folgten mehrere Vorkoster - zeigte keiner von ihnen Anzeichen einer Vergiftung, machte sich der König über das (mittlerweile eiskalt gewordene) Mahl her.
Aber auch Speisen, die wir heute als völlig normal empfinden, wurden mit Argusaugen betrachtet, so z.B. die Tomate. Sie galt als hochgiftig und wurde - wie Anfangs auch die Kartoffel - zur reinen Dekoration verwendet (s. a. Kurioses)
Aphrodisiaka
Was in früheren Zeiten noch als Aphrodisiaka und die Lust anregende Speise galt, mutet heutzutage mitunter etwas belustigend an. So waren die Damen und Herren des Barock davon überzeugt, im Kakao einen herrlichen Liebestrank gefunden zu haben. Dies ging so weit, dass sich der Klerus schließlich dazu genötigt sah, Kakao in der Kirche verbieten zu lassen ... Denn findige Herrschaften brachten ihren heißen Kakao gerne in die Morgenandacht mit - wobei sowohl das Geklapper des Geschirrs als auch die die Lustbarkeit anregenden Dämpfe von Priestern als störend empfunden werden durften ...
Augenfällig auch das Nord/Süd-Gefälle von Trinkgewohnheiten als Kaffee und Kakao in Mode kamen. Der protestantische Norden schwor auf Kaffee, der katholische Süden huldigte dem Kakao.Aber auch grüner Salat war nicht ohne Vorsicht zu genießen. So empfahl Hildegard von Bingen, "hitzigen Gemütern", nicht zu viel grünen Salat zu sich zu nehmen, da dieser das Blut noch mehr in Wallung brachte und die Sexualtriebe anregen sollte. Dem gegenüber stand der Glaube, dass manche Salatsorten regelrechte Liebeskiller waren. In einem englischen Kräuterbuch des 17. Jahrhundert wurde Salat gar als Mittel gegen "maßlose Lust" eingebracht. So unterschiedlich auch hier das Gefälle ...
Und wer hätte gedacht, dass auch die spätere Armenspeise Kartoffel als hochgradig wirkendes Aphrodisiakum gehandelt wurde. Lord Byron spricht im Don Juan von "der traurigen Folge von Leidenschaft und Kartoffeln ..".
Dazu kamen noch Spargel, Artischocken, Feigen und Muscheln galten bereits den alten Griechen als sinnliche Nahrungsmittel.
Doch sollten wir nicht zu übermäßig schmunzeln über unsere Vorfahren und uns kurz darauf besinnen, was wir heutzutage als Aphrodisiaka bezeichnen: Austern, Kaviar und Trüffel. Allesamt teuer - ebenso wie die meisten der o.g. Lebensmittel der damaligen Zeit. Scheinbar gehen Luxus und Liebestrieb immer Hand in Hand ...
Köche waren also geradezu prädestiniert dazu, das Liebesleben ihrer Herrschaft zu führen und in gewisse Bahnen zu lenken.